Iona Teichert und Hund an der Leine im Winter

Zwischen schlechtem Gewissen und guter Hundehaltung

Ich war zugegeben etwas geschockt über viele Kommentare, die unter meinem Instagram „Schnee Post“ (06.01.25) Post so oder so ähnlich klangen..



„Mein Hund ist ja schon fast den ganzen Tag zuhause eingesperrt…dann soll er wenigstens auf seinem Spaziergang machen können, was er will…Es ist SEINE Zeit!!!!“

Zur Einordnung:


In dem Post hatte ich geschrieben, dass ich nicht ständig stehen bleibe, wenn der Hund an der kurzen Leine schnüffeln will. Und dass es mein Spaziergang ist, auf dem meine Hunde mich begleiten dürfen.

Das hat sehr viele Menschen ziemlich aufgeregt. Mehr, als ich erwartet hätte.

Was ich neben der Empörung sehr deutlich rausgelesen habe, waren viele Kommentare, in denen Menschen stark von ihrer eigenen Situation ausgehen und in denen ich vermute, dass ein schlechtes Gewissen dem Hund gegenüber mitschwingt.


Dieses vermutete schlechte Gewissen, aber auch eine teils starke Überhöhung des Hundes, war für mich in vielen Sätzen so präsent, dass es für mich ein klarer Hinweis ist, hier genauer hinzuschauen und diese Gedanken einmal auseinanderzunehmen.

Zum Beispiel in Aussagen wie:

„Wir holen einen Hund zu uns, nehmen ihn von seinen Eltern weg, dann darf er nichts selbst entscheiden. Ich habe ihn zu mir geholt, also muss ich wenigstens dafür sorgen, dass er auf seinem Spaziergang schnüffeln kann. Alles andere ist nicht artgerecht. Das ist seine einzige Qualitytime am Tag.“

Puh. Da steckt wahnsinnig viel drin.

Also lasst uns wirklich ganz am Anfang anfangen. Und ich meine wirklich ganz am Anfang.

Ein Hund ist kein gezähmtes Wildtier, das wir einfangen und dann komplett entgegen seiner ökologischen Nische einsperren. Die „ökologische Nische“ des Hundes ist der Mensch. Vor etwa 15.000 Jahren begann diese Haustierwerdung mit dem Wolf.

Danach wurden ganz unterschiedliche Hundetypen gezüchtet: zum Bewachen, Jagen, Hüten und Treiben, als Gesellschaftshund, als kleines Zugtier, als Statussymbol und vieles mehr.
Heute holen wir uns Hunde mit überwiegender Gebrauchsgene­tik vor allem in der Rolle des Sozialpartners in unser Leben.

Es gibt beim Hund nicht „die Art“. Und es gibt deshalb auch kein einheitliches „artgerecht“. Es gibt übergeordnete Grundbedürfnisse und sehr individuelle Bedürfnisse einzelner Hunde.

Und ehrlich gesagt: Wenn wir den Hund mit anderen Tieren wie Schweinen, Kühen oder Ziegen vergleichen, hat es ihn in Bezug auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse ziemlich gut getroffen. 
Auch im Vergleich zu Wölfen, die über lange Zeit massiv verfolgt und ausgerottet wurden. Was Ausbreitung und Lebensqualität angeht, hätte es für Hunde deutlich schlechter kommen können.

Dass wir hier so genau hinschauen, liegt vor allem an unserer eigenen Emotionalität dem Hund gegenüber.

Finde ich es trotzdem wichtig, Hunden ein gutes Leben zu ermöglichen? Absolut. Natürlich. Ich möchte, dass es Menschen, Hunden, Wildtieren, Nutztieren und der Umwelt gut geht.

Wenn wir also darauf schauen, was wir als Menschen tun können, damit es Hunden gut geht, dann lasst uns das differenziert betrachten.

Ein Punkt, der dabei oft kommt, ist: „Der Hund wurde von uns aus seiner Familie gerissen.“

Ich kann Welpen nicht fragen, wie es ihnen geht. Ich kann nur beobachten. Und was ich beobachte, ist, wie unglaublich schnell sich Welpen, die mit acht bis zwölf Wochen in eine neue Familie kommen, an ihr neues Leben anpassen.

Das gilt übrigens generell für Hunde. Wenn sie sich durch etwas auszeichnen, dann durch extreme Anpassungsfähigkeit

Kaum ein Säugetier sonst ist so weit verbreitet wie der Mensch und der Hund. Überlegt mal, wo überall auf der Welt Hunde mit Menschen leben und wie unterschiedlich diese Lebensrealitäten aussehen können. 

Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich anmaßend zu behaupten, unsere sehr deutsche, kartoffelige Drei-mal-am-Tag-Gassi-Kultur sei das einzig Wahre.

Vielleicht enttäuschend oder entlastend zugleich: Hunde vermissen nicht wie wir Menschen. Sie können es extrem blöd finden, wenn ihr ohne sie rausgeht, und sie können frustriert sein. Aber es ist kein Problem, einen Hund für mehrere Tage oder Wochen in eine gute Hundepension zu geben. Sie denken dann nicht an euch. Sie leben im Moment.

Natürlich ist es nicht schön, wenn Hunde leichtfertig abgegeben werden. Aber Hunde, die ein neues Zuhause bekommen, sind nicht automatisch traumatisiert oder „für immer geschädigt“. Sie sind in dieser Hinsicht sehr viel einfacher gestrickt.

Und an dieser Stelle nochmal ganz klar: Hunde sind keine Kinder. Die Bindung zwischen Kind und primärer Bezugsperson ist etwas völlig anderes als die Beziehung zwischen Hund und Mensch, auch wenn wir dabei ähnliche Emotionen empfinden.

Der nächste Punkt ist die Aussage: „Sie haben ja nur auf dem Spaziergang Quality Time.“

Egal ob Mensch, Hund, Schwein oder Ente: Lebensqualität entsteht durch Balance. Balance zwischen Spannung und Entspannung. Zwischen Aktivität und Ruhe.

Ich glaube nicht, dass Hunde, die viele Stunden am Tag gemütlich dösen, automatisch ein schlechtes Gewissen rechtfertigen sollten. 

Ganz ehrlich: Ich würde sehr viel dafür geben, mehr rumzudösen. Während ich arbeite, nachts teilweise stundenlang ein Baby getragen habe, den Haushalt manage, Futter bestelle und alles am Laufen halte, liegen die armen Hunde auf gemütlichen Plätzen oder draußen im Hof in der Sonne und chillen.

Problematisch wird es erst, wenn dauerhaft eine extreme Schieflage entsteht. Nicht, weil ihr mal drei Tage krank wart oder weniger rausgegangen seid als sonst. Sondern wenn über längere Zeit zu wenig Bewegung oder zu wenig Anregung stattfindet. Oder, was ich tatsächlich sehr häufig sehe, wenn Hunde zu wenig Ruhe bekommen.

Jetzt zum Thema Spannung und Auslastung.

Erstmal möchte ich mit dem Gedanken aufräumen, dass Auslastung nur draußen stattfindet und dass jede Auslastung immer Spaß macht.

Meine Hunde sind tagsüber zum Beispiel sehr damit beschäftigt zu prüfen, ob das Kleinkind beim Snacken Krümel verliert, ob sie Besuch mit besonders niedlichen Blicken manipulieren können. Sie bewachen Haus und den kleinen Hof, was sie bei mir auch dürfen und was ihr Job ist.

Dazu kommen soziale Interaktionen der Hunde untereinander, mit Menschen im Haus oder auch indirekt durch Beobachtung. Alles Dinge, die ganz ohne bewusstes „Ich will euch jetzt auslasten“ passieren.

Vielen Familienhunden tut es tatsächlich extrem gut, immer mal wieder aus dem Geschehen genommen zu werden, um wirklich runterfahren zu können und nicht dauerhaft überreizt zu sein.

Natürlich gibt es zusätzlich viele Möglichkeiten bewusster Beschäftigung, die beiden Seiten Spaß machen. 

Und nein, damit meine ich nicht aus schlechtem Gewissen zehn Kekse im Wohnzimmer zu verstecken, weil man mal gehört hat, Hunde seien Nasentiere. Das ist nicht falsch, aber es ist nicht das, was ich mit sinnvoller Beschäftigung meine.

Es gibt Formalismus, unglaublich viele Formen von Nasenarbeit, Physiotraining und vieles mehr. Braucht das jeder Hund? Nein. Aber es kann eine schöne Sache sein, wenn es Mensch und Hund Freude macht.

Jetzt aber zum Thema Spazierengehen.

Wenn eure Lebensrealität so aussieht, dass ihr rausgeht, weil euer Hund sich lösen muss und sich bewegen muss, dann ist das eure Realität. Und die ist völlig legitim. Aber sie ist eben nicht die einzige.

Wenn ich keine Hunde hätte, würde ich trotzdem viel Zeit draußen verbringen. Wegen meines Kindes, mit dem ich jeden Tag durch den Wald laufe, aber auch für mich selbst. Die Spaziergänge waren bei mir zuerst da. Die Hunde kamen später dazu und dürfen mich dabei begleiten.

Das ist übrigens etwas, das ich auch in vielen Gesprächen vor der Anschaffung eines Hundes höre. Menschen sagen dann: „Wir gehen gerne in die Natur, wir wandern viel, wir spazieren gerne. Wir wünschen uns einen Hund, der uns dabei begleitet.“

Wie viele andere Hunde könnten sich auch meine Hunde im Alltag im Hof oder Garten lösen. Dafür bräuchten sie rein funktional keine Spaziergänge. 

Trotzdem ist natürlich klar: Hunde brauchen Bewegung. Manche mehr, manche weniger. Manche sehr viel, weil wir sie durch Training zu kleinen Hochleistungssportlern gemacht haben.

Und natürlich können auch meine Hunde in den allermeisten Fällen einen großen Teil des Spaziergangs schnüffeln. Aber eben nicht dann, wenn ich laufen will und sie an der kurzen Leine sind.

Es kann auch vorkommen, dass ich abends spontan merke, dass ich noch Bewegung brauche, und dann entweder mit dem Fahrrad losfahre oder sehr zügig laufe. Dann gibt es in dem Moment keine Möglichkeit zum Schnüffeln. Auch das darf sein.

Denn was passiert, wenn wir aus dem Gedanken heraus handeln: „Der arme Hund, alles ist eh schon schwierig für ihn, dann darf ich ihn jetzt auf keinen Fall einschränken“?


Gar nicht so selten entstehen daraus Hunde mit störendem Verhalten.
Hunde, die ihre Menschen von A nach B ziehen.
Hunde, die in ihrer Grenzenlosigkeit andere Menschen oder die Umwelt belästigen.
Hunde, die gegen Autos, Blumenkästen und Gartenzäune pinkeln.
Hunde, die nicht angeleint oder zum Menschen genommen werden, wenn andere entgegenkommen.

Ich sehe extrem viel Rücksichtslosigkeit, für die sich oft nicht einmal entschuldigt wird. Unter dem Deckmantel: „Die Freiheit meines Hundes über alles.“



„Liebe“ zum Tier rechtfertigt keine Rücksichtslosigkeit gegenüber Menschen oder Umwelt. Weder im Alltag draußen noch in Kommentarspalten.

Und geht es einem Hund wirklich schlecht, wenn er für eine gewisse Zeit orientiert am Menschen läuft? Nein.

Es gibt Hunde, die finden es richtig gut, eine Aufgabe zu erfüllen. Es gibt Hunde, für die ist das anstrengend und damit eine intensive mentale Auslastung. Für manche ist es ein Sicherheitsanker.

Und es gibt Hunde, gerade viele Rüden, die sich so sehr im Schnüffeln und Markieren verlieren, dass es für sie eine echte Entlastung ist, da mal rausgenommen zu werden. Sich alle fünf Meter neu in den Geruch einer Hündin zu verlieben, kann extrem stressig sein. Besonders, wenn in der Nachbarschaft mehrere Hündinnen läufig sind.

Dem Hund wohlwollend Klarheit und Grenzen zu geben und einen Rahmen zu schaffen, der wiederum Freiheiten ermöglicht, ist für mich die Basis für ein gelungenes Zusammenleben. 

Einen autoritativen Erziehungsstil, halte ich für deutlich gesünder als extreme Positionen. Ein sehr permissiver Erziehungsstil geht nicht selten mit einer Form von sozialer Vernachlässigung einher. Sowohl bei Kindern als auch bei Hunden. 

Und ganz wichtig: Es gibt nicht nur die Bedürfnisse der Hunde. Auch die der Menschen zählen. Drinnen wie draußen. 

Was ich dabei nämlich wirklich schwierig finde: Der Mensch wird in dieser ganzen Diskussion oft übersehen. Dabei zählt euer Wohlbefinden. Genau das meine ich, wenn ich sage: Es ist euer Spaziergang, den ihr gestalten dürft.

Das schließt nicht aus, bewusst stehen zu bleiben und Schnüffeln zu genießen. Es schließt nicht aus, die Bedürfnisse des Hundes zu sehen. 
Es bringt euch vielmehr in die Position, ein Orientierungspunkt für euren Hund zu werden und eine Basis zu schaffen für Dinge wie Leinenführigkeit, einen verbindlichen Rückruf und eine generelle Orientierung am Menschen.

Ein Leuchtturm für den Hund zu sein.

(Ja, das Pädagog:innen-Kind in mir musste diese Referenz bringen.)

Lasst uns den eigenen Horizont erweitern. Leben mit Hund kann sehr unterschiedlich aussehen.


Hundehaltung findet nicht in einer perfekten Welt statt, sondern in unserem Alltag. Und dieser unterliegt Schwankungen. Das macht das Leben auch lebendig und interessant.

Extreme, in denen es Hunden wirklich schlecht geht, gibt es immer. Und den Menschen dahinter wird es mit größter Wahrscheinlichkeit auch nicht sehr gut gehen. 
Aber diese Menschen werden auch nicht meine Instagram-Beiträge lesen und danach ihr Leben ändern.


Hier lesen vor allem Menschen mit, und ja, ich kenne meine Zielgruppe, ich arbeite täglich vor Ort mit ihnen zusammen, die sich einen wahnsinnigen Stress machen, alles richtig zu machen, und durch die vielen „So macht man das“-Botschaften verunsichert sind.


Und zuletzt: Ein schlechtes Gewissen führt zu keiner Verbesserung. Für niemanden. Es ist nicht produktiv und nicht kreativ. Vor allem dann nicht, wenn es unreflektiert bleibt und der eigene innere Druck einfach an andere weitergegeben wird.